Aus dem Herzen – Jeux Dramatiqueshp jeux2003b

„Hätte nie gedacht, dass ich mal samstags freiwillig in die Schule gehe!" Stefan feuert seinen Rollerhelm in die Ecke und lässt sich erstmal auf seine mitgebrachte Decke fallen. „Ja, ich auch net. Aber Jeux ist halt schööö!" grinst Sandra, während sie mit Andrea Koffer und Materialkisten in den Raum schleppt. „Na, Frau Braun. Haben Ihre Nachbarn mal wieder geglaubt, dass Sie in den Urlaub fahren?" Mit vereinten Kräften werden Tücher, Steine, Perlen, Teelichter und Instrumente aus dem Auto gehievt. Nach wichtigen organisatorischen Fragen (Pizza Margarita oder italienischer Salat?) und letzten Weckrufen („Der Tom war gestern voll lange auf dem Hainburger Markt, ich ruf den jetzt mal an und weck ihn.") beginnt das erste Spiel.
Ohne Worte, ohne Zeitdruck, ohne Bewertung. „Sorge für dich selbst" gilt als wichtigste Jeuxregel für den gesamten Jeuxtag. Zu den Themen Wie geht's mir zurzeit? Was beschäftigt mich? werden „Bilder" gelegt. Tücher, Steine, Postkarten, Teelichter werden zu Symbolen. Der Streit mit der besten Freundin, Schulstress, Tod eines geliebten Menschen und Freude auf den anstehenden Urlaub finden Ausdruck in den entstandenen Kunstwerken. Endlich mal Zeit, über sich nachzudenken. Ganz bei sich sein und sich über manches klar werden. Wer möchte, stellt anschließend sein Bild vor und lässt die Gruppe teilhaben an den eigenen Gedanken und Gefühlen.
Beim Aktiv-Passiv-Spiel wird Kontakt zum Anderen aufgenommen. Mit Tüchern, Hüten und Gegenständen werden die passiven Spieler von ihren aktiven Partnern verkleidet. Dem Partner vertrauen, mit geschlossenen Augen abwarten, was aus einem wird, die große Verantwortung für den anderen wahrnehmen, den man verkleidet, sind beeindruckende Erfahrungen. Beim Spiel zum Text schlüpfen die Teilnehmer in selbst gewählte Rollen. Als Texte eignen sich Gedichte, Märchen, Geschichten und auch biblische Texte. Nicht nur die Hauptrollen des Textes sind spielbar, sondern auch Gegenstände, Orte, Gefühle und Stimmungen. Ohne Regieanleitung nur begleitet von Worten der Leiterin spielen die Teilnehmer ihre Rollen, kommen ins Erleben und füllen den Text mit ihrem ganz persönlichen Ausdruck. In der anschließenden Runde wird sich über das Erlebte ausgetauscht.
"Heute Morgen war ich noch voll schlapp. Jetzt geht's mir super. Ich fühle mich fit und bin richtig gut drauf." „Ich war gestresst heute Morgen und dachte nur „einen ganzen Samstag in der Schule wird nervig", aber die Zeit ging voll schnell rum und ich konnte mal total entspannen." „Hätte nie gedacht, dass es so lustig wird!" „Man konnte mal richtig über sich nachdenken. Sonst ist irgendwie nie Zeit dafür da." „Das letzte Spiel war heftig für mich. Muss erstmal drüber nachdenken, was da passiert ist."

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„Man kann es nicht richtig beschreiben, man muss es erleben" (Schülerzitat, 14 Jahre)

Der französische Pädagoge Léon Chancerel kreierte die Methode der Jeux Dramatiques 1936. Die Schweizer Theaterpädagogin Heidi Frei entwickelte die Methode weiter. 1973 begann die Verbreitung der Methode in Deutschland. Seit 1985 gibt es die deutsche Arbeitsgemeinschaft Ausdrucksspiel aus dem Erleben e.V. Das Ausdrucksspiel begreift den Menschen als ganzheitliches Wesen (humanistische Psychologie) und nimmt ihn in Autonomie und Selbstverantwortung an. In zweckfreiem Spiel werden Entwicklungsprozesse angeregt. Durch das Hineinschlüpfen in ungewohnte Rollen entwickeln sich Selbstwahrnehmung und Kreativität. Persönlichkeit, Sach- und Sozialkompetenz werden gefördert und gestärkt. Im geschützten Raum, den die Spielregeln bieten, können innere Spannungen und Aggressionen erlebt und abgebaut werden. Beim gemeinsamen Spiel entwickeln sich Empathie, Toleranz, Kommunikation und Kooperation. Die Jeux Dramatiques haben sich in unterschiedlichsten Bereichen bewährt z. B. Erwachsenenbildung, Gewalt- und Suchtprävention, Freizeitpädagogik, Hospizarbeit, Heil- und Sonderpädagogik.. Im Februar 2000 wurde in Mitarbeit der KBS-Schüler eine Pädagogische Prüfungsarbeit zur zweiten Staatsprüfung für das Lehramt erstellt (Aus dem Herzen spielen - Möglichkeiten und Grenzen der Jeux Dramatiques im Religionsunterricht der Sekundarstufe I).
Seit dem Schuljahr 1999/2000 wird an der Kreuzburgschule eine Jeux AG angeboten.